Neurologie


Entzündungen von Gehirn, Rückenmark und Nerven

Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)

Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME): Viruserkrankung nach Zeckenbiss mit Entzündung der Hirnhäute. In Risikogebieten sind etwa 3 % der Zecken mit dem FSME-Virus infiziert, wobei selbst dort nur jeder 1 000.–10 000. nach einem Zeckenbiss an FSME erkrankt. Bei Kindern verläuft die FSME meistens leicht und heilt folgenlos ab. Bei Erwachsenen besteht die Gefahr von bleibenden Schäden. Eine Schutzimpfung ist möglich.

Leitbeschwerden

  • Grippeähnliche Symptome wie Abgeschlagenheit, Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen
  • Später möglicherweise abermals Fieber, (heftige) Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Lähmungen, Bewusstseinsstörungen.

Wann zum Arzt

Heute noch, wenn oben genannte Beschwerden auftreten

Die Erkrankung

Die meisten Menschen, die von einer mit FSME-Viren infizierten Zecke gebissen werden, zeigen allenfalls 1–2 Wochen nach dem Biss leichte grippeähnliche Beschwerden. Bei knapp 10 % der Infizierten kommt es nach 3–4 Wochen zu einer schweren Entzündung des Nervensystems. Häufigste Folge ist eine reine Hirnhautentzündung oder eine Entzündung von Hirnhäuten und Gehirn (Meningoenzephalitis), sehr selten, jedoch gefährlich, ist eine Entzündung des Rückenmarks (Myelitis).

Das macht der Arzt

Bei Verdacht auf FSME entnimmt der Arzt Blut und Liquor (Entnahme von Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit), um nach Antikörpern gegen das FSME-Virus und Entzündungszeichen des Nervensystems zu suchen. Zusätzlich kann ein Kernspin des Gehirns oder Rückenmarks erforderlich werden.

Gegen die Frühsommer-Meningoenzephalitis gibt es bisher kein Medikament. Ist die Krankheit ausgebrochen, können nur die Beschwerden gelindert werden.

Vorsorge

Beachten Sie die Hinweise zur Vorsorge und zur Zeckenentfernung.

Weitgehenden Schutz vor FSME bietet die Zeckenimpfung, die ab dem vollendeten 1. Lebensjahr möglich ist. Die Impfung empfiehlt sich vor allem für Menschen, die in Risikogebieten leben und dort in Kontakt mit Zecken kommen. Risikogebiete sind in Deutschland Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen und Rheinland-Pfalz. Hinzu kommen weite Teile Österreichs und in der Schweiz die Kantone Zürich, Thurgau, St. Gallen, Aargau, Bern und Zug. Gefährdet sind in erster Linie Jäger, Wanderer und Waldarbeiter. Hundehalter sollten darauf achten, dass ihre Hunde vor Zecken geschützt sind. Vorbeugend können Lösungen auf das Hundefell aufgebracht werden (z. B. Exspot®). Eine Impfung kann auch sinnvoll sein, wenn man seinen Urlaub in einem betroffenen Gebiet verbringen will.

Geimpft wird insgesamt dreimal im Zeitraum von 9–12 Monaten. Erst dann besteht ein wirksamer Schutz. Die Impfung sollte alle 3–5 Jahre wiederholt werden, wenn weiterhin ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht. Der Impfstoff ist im Allgemeinen gut verträglich. Trotzdem sollten Kinder unter 3 Jahren erst nach sorgfältiger Risikoabwägung geimpft werden. Erkrankte Menschen sind nicht ansteckend.

Weiterführende Informationen

  • www.rki.de – Internetseite des Robert-Koch-Instituts, Berlin: Für den Suchbegriff FSME finden Sie Hintergrundinformationen und aktuelle Auskünfte über Zeckenrisikogebiete im In- und Ausland.

Gehirnentzündung

Gehirnentzündung (Enzephalitis): Infektionsbedingte Entzündung des Gehirns. Meist sind die Hirnhäute mitentzündet, sodass streng genommen eine Meningoenzephalitis vorliegt. Die Prognose ist je nach Erreger unterschiedlich, wobei die Sterblichkeit mit 70 % bei einer unbehandelten Herpesgehirnentzündung am höchsten ist.

Leitbeschwerden

  • Abnorme Schläfrigkeit bis hin zur Bewusstlosigkeit
  • Psychische Veränderungen, vor allem Unruhe, Verwirrtheit und Wahnvorstellungen
  • Lähmungen, Sprachstörungen, Krampfanfälle
  • Möglicherweise Fieber oder grippeartige Beschwerden.

Die Erkrankung

Häufigste Erreger einer Gehirnentzündung sind Viren, wobei die Gehirnentzündung sowohl direkt durch das Virus hervorgerufen als auch Folge einer „fehlgeleiteten“ Abwehrreaktion des Körpers (parainfektiöse Form) sein kann. Die Zahl der als Ursache infrage kommenden Viren ist groß. Besonders gefährlich ist das Herpes-simplex-Virus, das schwere Verläufe auslöst. Bei einem von 1 000 Erkrankten entsteht im Rahmen einer Maserninfektion eine Masernenzephalitis. Bakterien sind weit seltener die Ursache. Wie bei allen Infektionen ist auch das Risiko einer Gehirnentzündung in Zeiten einer Abwehrschwäche erhöht.

Das macht der Arzt

Um die Entzündung und möglicherweise auch den Erreger festzustellen sowie andere Ursachen, etwa einen Tumor, auszuschließen, werden im Krankenhaus Blut- und Liquoruntersuchungen, ein CT oder ein Kernspin und meist auch ein EEG durchgeführt. Häufig lässt sich hierdurch eine Entzündung, nicht aber der Erreger feststellen, insbesondere ist der Nachweis oder Ausschluss der gefährlichen Herpes-simplex-Infektion trotz diagnostischer Fortschritte nicht immer möglich. Meist wird eine Kombination aus Antibiotika und einem gegen das Herpesvirus gerichteten Medikament eingesetzt, um alle Behandlungsmöglichkeiten zu nutzen. Zusätzlich werden die Symptome behandelt, z. B. Krampfanfälle medikamentös unterdrückt.

Vorsorge

Einige Erreger von Gehirnentzündungen werden durch die allgemein empfohlenen Impfungen mitbekämpft, etwa das Masernvirus. Ansonsten ist eine Vorbeugung nicht möglich.

Guillain-Barré-Syndrom

(Akutes) Guillain-Barré-Syndrom (akute idiopathische Polyradikuloneuritis, AIDP): Rasch einsetzende, vermutlich autoimmun bedingte Nervenwurzel- und Nervenentzündung. Sie verläuft zwar langwierig und teils lebensbedrohlich, langfristig kommt es aber meist zu einer weitgehenden oder sogar vollständigen Rückbildung der Symptome. Das Guillain-Barré-Syndrom wird gedanklich meist mit Impfungen verknüpft. Studien ergaben aber, dass die Rate der am Guillain-Barré-Syndrom-Erkrankten bei geimpften Personen nicht höher ist als bei ungeimpften.

Leitbeschwerden

  • Beginnt oft mit Rücken- und Gliederschmerzen sowie schmerzhaften Missempfindungen
  • Dann innerhalb von Stunden bis Tagen zunehmende Lähmungen, oft von den Oberschenkeln zum Rumpf aufsteigend.

Die Erkrankung

Beim Guillain-Barré-Syndrom kommt es, wahrscheinlich ausgelöst durch Infektionen, zu einer Autoimmunreaktion gegen Nervenwurzeln und Nerven: Die „fehlgeprägten“ Abwehrzellen und die von ihnen produzierten Abwehrstoffe im Blut greifen vor allem die Markscheiden der Nervenwurzeln und Nerven an und beeinträchtigen dadurch deren Signalweiterleitung.

Das Guillain-Barré-Syndrom beginnt oft mit Schmerzen in Beinen und Rücken, die häufig als „Ischias“ fehlgedeutet werden. Es folgen Lähmungen, die sich, manchmal innerhalb von Stunden, meist aber innerhalb von Tagen bis höchstens vier Wochen, ausbreiten und jederzeit stillstehen, aber auch den gesamten Körper erfassen können. Die Lähmungen bleiben 2–4 Wochen, selten länger, auf ihrem Höchststand und bilden sich dann langsam von selbst wieder zurück.

Das macht der Arzt

Bei Verdacht auf Guillain-Barré-Syndrom muss der Betroffene ins Krankenhaus. Da nicht vorhersehbar ist, wie weit sich die Erkrankung ausbreiten wird (es drohen eine lebensbedrohliche Lähmung der Atemmuskulatur und Herzrhythmusstörungen), werden die Vitalfunktionen (Puls, Blutdruck und Atemfrequenz) überprüft, indem der Patient an einen Monitor angeschlossen wird.

Schreitet die Erkrankung weiter fort, wird eine Plasmapherese (Plasmaaustausch), eine Form der Blutwäsche, vorgenommen.

Die psychische Belastung für die Betroffenen ist enorm: Sie erleben die fortschreitenden Lähmungen bei vollem Bewusstsein. Schwer Erkrankte sind praktisch bewegungsunfähig, müssen künstlich ernährt und beatmet werden und benötigen sogar (zeitweise) einen Herzschrittmacher. Gelingt es aber, diese kritische Zeit zu überbrücken, sind die Aussichten gut: 70 % der Patienten genesen vollständig. Die Rückbildung kann allerdings Monate dauern, oft ist ein langer Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik unvermeidlich.

Weiterführende Informationen

  • www.gbsinfo.de – Deutsche GBS Initiative e. V., Mönchengladbach: Informative Internetseite mit medizinischen Informationen, Erfahrungsberichten, weiterführenden Links und Adressen. Die Deutsche GBS Initiative e. V. besteht bundesweit aus mehreren Landesverbänden, Regionalverbänden und Ortsverbänden.
  • www.gbs-shg.de – Bundesverband Deutsche GBS-Vereinigung e. V., Sinsheim: Zwar eher wenig medizinische Informationen, aber bundesweit organisierte Selbsthilfegruppe.

Hirnhautentzündung

Hirnhautentzündung (Meningitis): Infektionsbedingte Entzündung der Hirnhäute. Eine Hirnhautentzündung tritt überwiegend im Kleinkind- bis Jugendalter auf; im Erwachsenenalter sind ältere Menschen und Abwehrgeschwächte besonders gefährdet. Die Erkrankung ist lebensgefährlich: 20 % der Betroffenen versterben, wobei der Verlauf stark abhängig ist vom zugrunde liegenden Erreger und der Konstitution des Betroffenen. Ein Drittel der Überlebenden leidet unter Dauerfolgen wie z. B. Schwerhörigkeit.

Leitbeschwerden

  • Fieber (meist hoch)
  • Schweres Krankheitsgefühl
  • Stärkste Kopfschmerzen
  • Nackensteife beim Versuch, den Kopf nach vorn auf die Brust zu beugen (kann bei älteren und abwehrgeschwächten Menschen fehlen)
  • Kniebeugezeichen (Brudzinski-Zeichen): Wird bei dem auf dem Rücken liegenden Patienten der Kopf nach vorne gebeugt (Kinn berührt Brustbein), so werden automatisch die Beine angezogen, um die Schmerzen zu vermeiden
  • Kniekusszeichen: Der Patient richtet sich nach vorne auf und kann sein angewinkeltes Knie schmerzbedingt nicht „küssen“.
  • Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschüberempfindlichkeit
  • Möglicherweise vorher Infekt, am häufigsten der Atemwege
  • Möglicherweise Schläfrigkeit bis hin zur Bewusstlosigkeit

Wann zum Arzt

Sofort, wenn die Beschwerden zu einer Hirnhautentzündung passen.

Die Erkrankung

Häufigste Erreger einer Hirnhautentzündung sind Bakterien (vor allem Meningokokken und Pneumokokken, aber auch Haemophilus influenzae, Streptokokken, Staphylokokken) oder Viren (z. B. Coxsackie-, Echo-, Herpes-simplex-Viren), seltener Pilze oder Parasiten. Auch die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) zählt zu den virusbedingten Hirnhautentzündungen (die Zecken sind nur die Überträger des FSME-Virus).

Meist steht z. B. ein scheinbar harmloser Racheninfekt oder eine Lungenentzündung am Anfang des Geschehens. Die Erreger gelangen ins Blut und mit ihm in alle Organe des Körpers. Warum die Erreger sich bei einem kleinen Teil der Erkrankten auch in den Hirnhäuten festsetzen und zu einer Entzündung führen, ist nicht geklärt.

Bakterien können außerdem bei schweren Entzündungen im Kopfbereich (z. B. des Ohrs) oder über eine nicht erkannte Schädelbasisverletzung direkt zu den Hirnhäuten gelangen. Mitunter bleibt der Infektionsweg auch unklar.

Unterschiedliche Formen. Die meisten Hirnhautentzündungen verlaufen akut, bilden sich also rasch aus:

  • Typisch für bakterielle Hirnhautentzündungen, insbesondere durch Meningokokken, ist die schnelle Entwicklung eines lebensbedrohlichen Krankheitsbilds, oft innerhalb weniger Stunden.
  • Virusbedingte Hirnhautentzündungen setzen etwas langsamer ein, oft nach Anzeichen eines „grippalen Infekts“ in den vorangegangenen Tagen, und verlaufen oft milder. Bei einigen Viren, etwa Herpesviren, sind allerdings schwere und sogar lebensbedrohliche Verläufe häufig.
  • Seltener macht sich eine Hirnhautentzündung durch über Wochen zunehmende Beschwerden bemerkbar. Typisch ist dies aber für die Hirnhautentzündung durch Tuberkulosebakterien oder Borrelien.

Manchmal sind nur die Hirnhäute befallen. Nicht selten aber greift die Entzündung auf das Gehirn über. Die Kombination aus Hirnhaut- und Gehirnentzündung heißt Meningoenzephalitis.

Größte Gefahren während der akuten Erkrankung sind Schock und Hirndrucksteigerung. Außerdem können bei einer bakteriellen Hirnhautentzündung die Bakterien zu einer eitrigen Gewebeeinschmelzung führen, die sich dann abkapselt (Hirnabszess).

Das macht der Arzt

Da bei einer Hirnhautentzündung die entzündeten Hirnhäute verstärkt schmerzen, sobald man sie unter Zugspannung setzt, kann der Arzt die Verdachtsdiagnose anhand einfacher Untersuchungsverfahren stellen. Besteht der Verdacht auf eine Hirnhautentzündung, ist eine Krankenhauseinweisung unumgänglich. Dort wird neben Blutabnahmen unverzüglich eine Lumbalpunktion mit nachfolgender Liquoruntersuchung durchgeführt: Der Liquor ist nicht klar, sondern trübe oder sogar eitrig und enthält viel zu viele weiße Blutkörperchen. Oft ist durch mikroskopische Untersuchung schon eine Unterscheidung zwischen bakterieller und viraler Hirnhautentzündung möglich, für manche Erreger gibt es Schnelltests. Außerdem wird noch am ersten Tag ein CT angefertigt.

Besteht nach der Lumbalpunktion immer noch der Verdacht auf eine bakterielle Hirnhautentzündung, beginnt der Arzt sofort mit Antibiotikainfusionen. Im Gegensatz dazu können nur wenige Viren durch spezielle virushemmende Medikamente bekämpft werden. Im Zweifelsfall wird sich der Arzt für eine anti-infektive Therapie, möglicherweise mit beiden Medikamentengruppen, entscheiden, da das Risiko der Medikamentengabe weit geringer ist als das einer verspäteten Behandlung. Wenige Stunden können hier zwischen Überleben und Tod oder zwischen völliger Ausheilung und Dauerschäden entscheiden.

Zusätzlich werden die Beschwerden des Patienten (z. B. Kopfschmerzen) oder auftretende Komplikationen (wie etwa eine Hirndrucksteigerung) behandelt.

Vorsorge

Eine Hirnhautentzündung kann durch zahlreiche Erreger verursacht werden, und vor den meisten kann man sich nicht schützen.

Es gibt allerdings Ausnahmen:

  • Meningokokken sind häufige Verursacher einer bakteriellen Hirnhautentzündung, Meningokokkenmeningitis genannt, die v. a. Kinder und Jugendliche betrifft. Gegen einige Meningokokkentypen gibt es Impfstoffe. So wird die Impfung gegen Meningokokken vom Typ C seit 2006 in Deutschland für alle Kinder im 2. Lebensjahr empfohlen. Für alle erwachsenen Kontaktpersonen empfiehlt die STIKO eine Impfung, wenn noch kein Impfschutz besteht. Vor Reisen in Länder mit erhöhtem Risiko ist eine Impfung gegen Meningokokken vom Typ A, C, W135 und Y empfehlenswert (Tabelle). Bei Erkrankungen im nächsten Umfeld schützt zudem die vorbeugende Antibiotikagabe ansteckungsgefährdete Menschen.
  • Ebenfalls seit 2006 für alle Kinder empfohlen (jedoch schon im 1. Lebensjahr) ist die Pneumokokkenimpfung. Ältere und abwehrgeschwächte Menschen sowie Träger von Cochlea-Implantaten sind ebenfalls besonders gefährdet. Ihnen wird eine Impfung empfohlen, die alle sechs Jahre aufgefrischt werden muss.
  • Geimpft werden kann auch gegen die in Teilen Deutschlands und Osteuropas auftretende FSME.

Weiterführende Informationen

  • www.leitlinien.net – Unter der Stichwortsuche finden Sie zum Begriff Meningitis die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zu den verschiedenen Formen der Hirnhautentzündung.

Idiopathische Gesichtslähmung

Idiopathische Gesichtslähmung (idiopathische Fazialisparese): Ursächlich unklare, wahrscheinlich entzündlich bedingte Lähmung der Gesichtsmuskulatur mit überwiegend guten Aussichten für den Betroffenen. In über 80 % verschwindet die Lähmung nach 4–10 Wochen von selbst.

Leitbeschwerden

  • Einseitige Schwäche oder vollständige Lähmung der Gesichtsmuskeln mit Gesichtsasymmetrie beim Versuch, die Stirn zu runzeln oder die Backen fest aufzublasen, sowie unvollständiger Augenschluss
  • Oft Bemerken der Beschwerden am Morgen („verzogenes“ Gesicht beim morgendlichen Blick in den Spiegel) mit Verstärkung in den nächsten Stunden
  • Möglicherweise Lärmempfindlichkeit
  • Möglicherweise Geschmacksstörungen
  • Möglicherweise beeinträchtigte Tränen- oder Speichelsekretion
  • Keine Schmerzen.

Wann zum Arzt

Heute noch, wenn das Gesicht unerwartet asymmetrisch oder eine Gesichtsseite eindeutig gelähmt ist.

Die Erkrankung

Bis heute ist die Ursache der idiopathischen Gesichtslähmung unklar. Am wahrscheinlichsten ist eine Entzündung des Fazialisnervs, möglicherweise ausgelöst durch das Herpes-simplex-Virus, das auch die Lippenbläschen hervorruft.

Der Gesichtsnerv (Fazialisnerv, Nervus facialis) ist zuständig für die Bewegungen der mimischen Gesichtsmuskulatur. Zudem versorgt er die Speichel- und die Tränendrüsen sowie zwei kleine Muskeln im Mittelohr, die verhindern, dass laute Töne mit voller Wucht zum Innenohr gelangen. Darüber hinaus leitet der Fazialisnerv die Geschmacksempfindungen der Zunge zum Gehirn. Je nachdem, wo genau die (mutmaßliche) Entzündung sitzt, kommt es daher zu weiteren Beschwerden, wobei die Geschmacksstörungen den Betroffenen neben der Gesichtslähmung oft am meisten belasten.

In seltenen Fällen kann hinter einer Gesichtslähmung ein Tumor der Ohrspeicheldrüse stecken.

Das macht der Arzt

Neben der neurologischen Untersuchung sind immer auch eine Abklärung durch den Hals-Nasen-Ohren-Arzt sowie Blutuntersuchungen erforderlich, um eine Borrelieninfektion, eine Herpes-Zoster-Infektion oder Tumoren der Ohrspeicheldrüse auszuschließen. Nur wenn sich hier Verdachtsmomente ergeben, sind weitere Untersuchungen nötig.

Empfohlen wird die möglichst frühzeitige Gabe von Kortison in Form von Tabletten für etwa eine Woche, damit die Entzündung schneller abklingt. Ob zusätzlich virushemmende Medikamente helfen, ist fraglich.

Bei unvollständigem Augenschluss droht die Hornhaut auszutrocknen und dadurch Schaden zu nehmen. Dem kann durch das Einträufeln von Augentropfen tagsüber und das Einbringen von Augensalbe sowie das Anlegen eines Fertig-Uhrglasverbands über Nacht vorgebeugt werden.

Bei über 80 % der Betroffenen bildet sich die Lähmung (fast) vollständig zurück, sodass keine störenden Ausfälle zurückbleiben. Bei weniger als 10 % der Erkrankten tritt später eine erneute Lähmung auf, die aber häufig ebenfalls ausheilt.

Selbsthilfe

Sie können die Heilung durch Bewegungsübungen unterstützen, die Sie zweimal täglich vor dem Spiegel ausführen. Die hierzu notwendige Anleitung durch einen Physiotherapeuten verordnet der Arzt.

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose (MS, Encephalomyelitis disseminata, ED): Abrupt oder schleichend einsetzende, oft in Schüben verlaufende, chronisch-entzündliche Erkrankung von Gehirn und Rückenmark, die durch eine herdförmige Entmarkung von Nervensträngen gekennzeichnet ist. Die Krankheit beginnt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, Frauen erkranken häufiger als Männer.

Forscher haben herausgefunden, dass auch humane Herpesviren vom Typ 6 (HHV 6) bei der Erkrankung eine Rolle spielen. Diese Viren nisten sich in der Nasenschleimhaut ein und dringen von dort – so nehmen die Experten an – ins Gehirn vor, wo sie Entzündungen auslösen. Einer neuen Theorie zufolge ist auch der Fettstoffwechsel relevant. Dieser soll bei MS-Patienten gestört sein. Deshalb entstünde beim Abbau von Fetten im Gehirn als Stoffwechselprodukt das schlechte LDL-Cholesterin. Sammelte sich dieses im Gehirn an, bildeten sich sogenannte Plaques, die wiederum die entzündliche Immunreaktion der MS auslösten. In den westlichen Industrieländern ist die Multiple Sklerose bei den unter 50-Jährigen die häufigste chronische neurologische Erkrankung, in Deutschland gibt es rund 120.000 Betroffene. 

Art und Intensität der Symptome sind individuell unterschiedlich, je nachdem, welche Bereiche des zentralen Nervensystems betroffen sind. Der Krankheitsverlauf variiert von (scheinbaren) Heilungen bis hin zu rasch eintretender Invalidität; insgesamt ist er günstiger als meist vermutet: Zwei Drittel der Betroffenen werden auch nach langem Verlauf nicht pflegebedürftig, wobei die Prognose der schubförmigen Verlaufsform besser ist als die der progredienten. 

Leitbeschwerden

  • Empfindungsstörungen, vor allem Taubheitsgefühl („Pelzigsein“), Kribbelgefühl („Ameisenlaufen“), vermindertes Berührungsempfinden 
  • Sehstörungen, insbesondere verschwommenes Sehen, Doppelbilder 
  • Schwächegefühl und Lähmungen, häufig in den Beinen, möglicherweise mit unsicherem, breitschrittigen (breitbasigen) Gangbild („Seemannsgang“) 
  • Sprechstörungen, vor allem undeutliche, „abgehackte“ Sprache 
  • Eventuell Blasen- und/oder Mastdarmfunktionsstörungen. 

Wann zum Arzt

Am nächsten Tag, wenn nicht erklärbare Empfindungsstörungen und/oder Schwächegefühle in den Beinen auftreten oder man selbst oder andere meinen, die Sprache oder der Gang habe sich verändert.

Heute noch, wenn man auf einmal das Gefühl hat, schlechter zu sehen oder (leichte) Lähmungen auftreten.

Sofort, wenn starke Sehstörungen auftreten pder die Blasen- oder Darmkontrolle beeinträchtigt sind.

Die Erkrankung

Die Ursache der Multiplen Sklerose ist nach wie vor unklar. Nach heutigem Kenntnisstand führen äußere Einflüsse auf dem Boden einer erblichen Veranlagung zu Autoimmunprozessen („Selbstbekämpfungsvorgängen“) in Gehirn und Rückenmark, die dann 10–20 Jahre später in die Erkrankung münden. 

Welches Gewicht dabei der erblichen Veranlagung und welches den äußeren Faktoren zukommt, kann nicht genau benannt werden. Wahrscheinlich spielt die erbliche Veranlagung die weit geringere Rolle. Obwohl enge Verwandte ein höheres Krankheitsrisiko haben, ist dieses in absoluten Zahlen gering (etwa 1 %). 

Auch über die äußeren Einflüsse, die den Autoimmunprozess in Gang setzen, ist wenig bekannt. Studien legen nahe, dass sie in den ersten 15–20 Lebensjahren einwirken. Die wahrscheinlichsten Faktoren sind Infektionen, vor allem Virusinfektionen, Belege fehlen aber bislang. 

Die Nerven liegen blank 

Die Informationen im Nervensystem werden über lange, dünne Nervenzellfortsätze weitergeleitet, die von einer isolierenden fetthaltigen Markscheide (Myelinscheide) umgeben sind. Infolge des Autoimmunprozesses zerstören körpereigene Abwehrzellen diese Markscheiden (Demyelinisierung) und führen an vielen Stellen in Gehirn oder Rückenmark zu einer Entzündung. Dadurch ist die Informationsleitung an dieser Stelle erschwert oder gar unmöglich. Sind kritische Stellen von diesem „Informationsstopp“ betroffen, erfolgen Ausfälle wie etwa Sehstörungen. Es kann aber auch sein, dass der Entzündungsherd (Plaque) völlig unbemerkt bleibt. Im weiteren Verlauf klingt die Entzündung wieder ab, die Beschwerden bessern sich oder verschwinden sogar wieder, bis nach Monaten oder Jahren ein neuer Entzündungsherd mit entsprechenden Beschwerden entsteht. Dies ist der primär schubförmige Verlauf, der mit rund 80–90 % am häufigsten ist. Was den einzelnen Schub ausgelöst hat, bleibt in aller Regel unklar. 

Mit der Zeit können die Nervenfortsätze selbst zugrunde gehen, aber auch eine Narbenbildung als Reaktion auf die Entzündung verschlechtert die Informationsweiterleitung. Dies könnte erklären, warum bei nicht wenigen Betroffenen nach anfänglich schubförmigem Verlauf nach Jahren die Beschwerden zunehmen, ohne dass Schübe nachweisbar sind (sekundär progredienter Verlauf).

Mit rund 10 % an zweiter Stelle (bei spätem Erkrankungsbeginn häufiger) steht der primär chronisch-progrediente Verlauf. Hier nehmen die Erkrankungszeichen von Beginn der Erkrankung an langsam, aber stetig zu. Der progredient schubförmige Verlauf betrifft 2–3 % der Patienten; hierbei überlagern Schübe von Beginn an eine kontinuierliche Verschlechterung. Die mit knapp 2 % seltenste akute Form ist von einem rasanten Verlauf gekennzeichnet, der innerhalb weniger Wochen zum Tode führen kann. 

Vielfältige Symptomatik 

Welche Beschwerden auftreten, hängt davon ab, an welcher Stelle sich der Entzündungsherd befindet. Im Prinzip sind also sehr viele Krankheitszeichen möglich, doch kommen einige Störungen besonders häufig vor, so z. B. Seh- und Empfindungsstörungen zu Beginn der Erkrankung. Meist sind die Beschwerden leicht und dauern nur kurz, sodass sie nicht selten fehlgedeutet werden. 

Im Lauf der Jahre treten bei über 80 % der Betroffenen Lähmungen auf, die unterschiedlich stark sind. Rumpfferne Extremitätenabschnitte sind häufiger betroffen als rumpfnahe, die Beine stärker als die Arme. Typischerweise ist dabei die Muskelgrundspannung zu hoch (spastische Lähmung), was Bewegungen zusätzlich erschwert. Auch ist die Feinabstimmung der Bewegungen gestört; dies zeigt sich z. B. durch undeutliches oder „abgehacktes“ Sprechen, zittrige oder überschießende Bewegungen. 

Anfangs ebenfalls selten, aber mit zunehmender Erkrankungsdauer häufiger, sind Störungen der Blasenfunktion, vor allem ein plötzlicher Harndrang, der so heftig werden kann, dass die Betroffenen nicht mehr rechtzeitig die Toilette erreichen. Typisch sind auch Störungen der Sexualfunktion. 

Psychische Veränderungen wie Euphorie, depressive Verstimmungen und Konzentrationsstörungen sind möglich und in ihrer Häufigkeit schwerer zu beziffern als „messbare“ Beschwerden. Als charakteristisch für Multiple Sklerose gilt eine erhöhte Müdigkeit, die so stark sein kann, dass der Patient nicht mehr arbeitsfähig ist. 

Das macht der Arzt

Diagnosesicherung 

Besteht nach einer neurologischen Untersuchung ein Anfangsverdacht, sollen die evozierten Potenziale und ein Kernspin des Gehirns und/oder des Rückenmarks weitere, bis dahin unbemerkte Herde aufdecken, wobei Herde an verschiedenen Stellen des zentralen Nervensystems ein wesentliches Diagnosekriterum sind. 

Da das klinische Bild zunächst selten wirklich eindeutig ist, und weil die Diagnose Multiple Sklerose folgenschwer ist, wird die definitive Diagnose in der Praxis nur gestellt, wenn durch Folgeuntersuchungen eine Reihe von Kriterien erfüllt werden, so: 

  • Nachgewiesene Entzündungen zu verschiedenen Zeitpunkten an unterschiedlichen Stellen in Gehirn und/oder Rückenmark (es gibt nicht wenige Menschen, die nur einmal in ihrem Leben Multiple-Sklerose-verdächtige Beschwerden haben und bei denen sich trotz Ausschöpfung der heutigen diagnostischen Möglichkeiten nicht feststellen lässt, woher diese rühren). 
  • Der Nachweis einer verzögerten Erregungsleitung in den evozierten Potenzialen, die mit der MS-typischen Nervenschädigung korrespondiert 
  • Zellvermehrungen im Liquor als Ausdruck der Entzündung und/oder Immunglobuline, die im Blut fehlen (oligoklonale Banden des IgG). Diese oligoklonalen Banden sind jedoch ebenfalls kein sicherer Beweis für eine Multiple Sklerose, sondern bedeuten nur, dass im Zentralnervensystem selbst Immunglobuline gebildet worden sind. 
  • Der Ausschluss anderer infrage kommender Erkrankungen wie etwa eine Borreliose durch Blutuntersuchungen. 

Therapie 

Ziele der Behandlung sind das möglichst rasche Abklingen der Beschwerden im Schub, die Unterdrückung weiterer Schübe, die Bekämpfung belastender Beschwerden und das Verhindern von Komplikationen. Wichtigste Säule der Therapie ist der Einsatz von Medikamenten; physiotherapeutische Maßnahmen helfen, (zurückbleibende) Störungen zu mindern. 

Behandlung im Schub. Standardbehandlung im akuten Schub sind möglichst früh einsetzende, hoch dosierte Kortisoninfusionen (Glukokortikoidinfusionen) über wenige Tage, die bei unzureichendem Erfolg nach zwei Wochen wiederholt werden können. Danach ist eine Tabletteneinnahme über etwa zwei Wochen möglich. 

Hilft auch die zweite Serie von Infusionen nicht oder verschlimmern sich die Beschwerden sogar, kann eine Plasmapherese (Plasmaaustauschbehandlung) vorgenommen werden, die aber nur in speziellen Zentren möglich ist. Dabei wird das Blut des Patienten ähnlich wie bei der Dialyse durch eine Maschine geleitet, wo die flüssigen Bestandteile des Bluts (das Plasma) entfernt und durch eine Eiweißlösung ersetzt werden, um im Blut gelöste schädliche Abwehrstoffe zu entfernen. 

Behandlung nach Abklingen eines Schubs. Zweites Ziel der Behandlung ist es, den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen. Entsprechend den mutmaßlichen Ursachen handelt es sich dabei um Substanzen, die das Abwehrsystem verändern. Mediziner befürworten einen frühen Behandlungsbeginn nach dem ersten oder zweiten bemerkten Schub, da die Nervenzellen selbst wohl früher geschädigt werden als noch vor wenigen Jahren angenommen. 

Medikamente der ersten Wahl bei schubförmigem Verlauf sind Interferone und Glatirameracetat (Copaxone®). Immunglobulininfusionen oder Zytostatika sind Reservesubstanzen. Bei progredienten Verläufen werden Zytostatika gegeben, wobei es keine einheitlichen Empfehlungen gibt.

Mittlerweile sind auch monoklonale Antikörper (Alemtuzumab, Natalizumab) für die Behandlung der MS zugelassen, was neben den oralen Immuntherapeutika Teriflunomid, Dimethylfumarat und Fingolimod erfreulich mehr Optionen bedeutet.

Gute Nachrichten für Schwangere mit MS: Die Auflagen und Einschränkungen für die Gabe von Immuntherapeutika beim schubförmigen Verlauf der MS und Schwangerschaft werden gelockert, sodass deren Einsatz in der Phase rund um die Geburt bei aktiver MS erleichtert wird.

Beschwerdelinderung und Komplikationsvermeidung. Es kommt vor, dass sich Beschwerden nicht mehr vollständig zurückbilden. Ein Großteil kann jedoch medikamentös gelindert werden, so etwa die Spastik oder heftiger Harndrang. 

Zur symptomatischen Therapie der Spastik stehen MS-Patienten ein cannabishaltiges Spray (Sativex®) zur Verfügung. Auf die Mundschleimhaut gesprüht, hilft das Medikament gegen Spastiken. Gedacht ist es vor allem für diejenigen, die unter mittleren bis schweren Krampfzuständen leiden und auf die üblichen Wirkstoffe Baclofen oder Clonazepam nicht ansprechen. Sativex® enthält zwar THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) – den psychoaktiven Inhaltsstoff der Cannabis-Pflanze –, einen Rausch bekommen die Patienten aber nicht. Das verhindert die Kombination von THC mit der Substanz Cannabidiol. Auch Botulinus Toxin kommt mitunter in Frage, wenn die Spastik sehr heftig aber nur sehr lokal begrenzt ist (z.B. Oberschenkelinnenmuskulatur)
Zur Verbesserung der Gehfähigkeit und Gehstrecke ist Aminopyridin empfehlenswert.

Eine frühzeitig einsetzende Physiotherapie und gegebenenfalls Ergotherapie oder eine logopädische Behandlung helfen, die Selbstständigkeit zu erhalten und nach akuten Schüben eventuell zurückbleibende Schäden zu mindern. Starre Behandlungspläne gibt es nicht. Die Therapie wird auf die Probleme jedes einzelnen Patienten zugeschnitten, wobei Bewegungsübungen möglichst in den Alltag integriert werden. 

Selbstbehandlung

Die zwei Buchstaben MS stehen für Angst und Unsicherheit: Welche Auswirkungen wird die Erkrankung auf mein alltägliches Leben und meine Zukunftspläne haben? Muss ich meinen Beruf aufgeben? Was bedeutet meine Erkrankung für die Familie? Werde ich über kurz oder lang zum Pflegefall? Tatsächlich kann niemand vorhersagen, welche Einschränkungen und Folgeerscheinungen im Einzelfall zu erwarten sind – dafür ist der individuelle Krankheitsverlauf zu unterschiedlich. Diese Ungewissheit ist mindestens ebenso belastend wie die Bewältigung der Beschwerden. 

  • Versuchen Sie, Ihre Erkrankung anzunehmen! Konzentrieren Sie sich auf Ihre Fähigkeiten, nicht auf die mit der Erkrankung verbundenen Beeinträchtigungen. Auch in Beruf und Privatleben sollten Sie sich nicht mehr Einschränkungen auferlegen als unbedingt nötig. 
  • Wenn Sie Unterstützung brauchen, zögern Sie nicht, darum zu bitten und sie anzunehmen. 
  • Bleiben Sie so aktiv, wie Sie können. Es spricht z. B. nichts dagegen, regelmäßig Sport zu treiben oder zu reisen – achten Sie aber darauf, dass Sie die Grenze Ihrer Belastbarkeit nicht überschreiten. 
  • Stress kann Schübe auslösen. Finden Sie heraus, welche Stressfaktoren für Sie ungünstig sind. Um Stress abzubauen helfen auch Entspannungsverfahren. 
  • Multiple Sklerose ist kein Grund, auf Kinder zu verzichten. Generell sollte eine Schwangerschaft in Rücksprache mit dem Neurologen und dem Frauenarzt geplant werden, da die MS-Medikamente rechtzeitig geändert oder abgesetzt werden müssen. 

Sprechen Sie mit Ihren Angehörigen und Freunden über Ihre Gefühle und Sorgen. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen kann helfen, die praktischen Probleme zu lösen. 

Eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung mit reichlich pflanzlichen Produkten, ausreichend Fisch und wenig Fleisch ist die beste Ernährungsform für Multiple-Sklerose-Betroffene. Einige alternative Heilverfahren schreiben zwar rigide Diätvorschriften oder teure Spezialnahrung vor, aber bisher konnten weder eine spezielle (MS-)Diät noch die Einnahme von hoch konzentrierten Pflanzenextrakten, Vitaminen oder speziellen Nahrungsergänzungsmitteln eine nachhaltige Besserung oder gar Heilung bewirken. Falls Sie dennoch bestimmte Ernährungsprogramme ausprobieren möchten: Achten Sie darauf, dass der tägliche Nährstoffbedarf gedeckt wird und mit der Diät keine unzumutbare Einschränkung Ihrer Lebensqualität verbunden ist. Wenn Sie unsicher sind, besprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob auch er eine Änderung Ihrer Ernährungsgewohnheiten befürwortet. 

Rauchen sollte tabu sein. Regelmäßiger Nikotinkonsum ist nicht nur für Herz, Kreislauf und Atemwege schädlich, sondern scheint auch den Verlauf einer Multiplen Sklerose zu verschlechtern. 

Infektionen können Schübe auslösen. Lassen Sie sich deshalb regelmäßig gegen Grippe impfen, verzichten Sie im Zweifelsfall auf einen Besuch bei einem erkrankten Gastgeber und vermeiden Sie in Grippezeiten allzu häufiges Händeschütteln. Sich aus Angst vor Infektionen zu isolieren, ist allerdings auch nicht sinnvoll. 

Auch wenn hohe Temperaturen die Krankheit selbst nicht verschlimmern können, verursacht Wärme bei vielen Betroffen eine vorübergehende Verschlechterung der Beschwerden. Deshalb sollten Sie längere Aufenthalte in der Sonne meiden, besonders anstrengende Tätigkeiten auf kühlere Tageszeiten verlegen, auf Saunabesuche verzichten und mit lauwarmem Wasser baden oder duschen. Auch bei der Wahl des Urlaubsgebiets sollte diese Temperaturabhängigkeit berücksichtigt werden. 

Impfungen wirken sich nach derzeitigem Kenntnisstand nicht auf den Krankheitsverlauf aus. Klären Sie aber trotzdem jede Impfung mit Ihrem Arzt und besprechen Sie mit ihm den günstigsten Zeitpunkt – bei einer medikamentösen Unterdrückung der Abwehr bleibt die Impfung eventuell wirkungslos oder darf gar nicht durchgeführt werden. 

Unterstützung durch Angehörige

Auch die Angehörigen müssen damit klarkommen, dass der Krankheitsverlauf der Multiplen Sklerose nicht vorhersehbar und damit nicht „planbar“ ist. Im Idealfall ist der Kranke auch noch Jahre nach Krankheitsbeginn so wenig beeinträchtigt, dass er weiterhin seinen Beruf ausüben und seine Rolle in der Familie ausfüllen kann. Es kann aber auch sein, dass er pflegebedürftig oder sogar bettlägerig wird und auf eine Rundum-Betreuung angewiesen ist. Sobald sich eine solche Entwicklung abzeichnet, sollten Sie eruieren, welche Hilfen Ihnen zur Verfügung stehen. Die Bandbreite reicht von ambulanten Diensten über teilstationäre Tages- oder Nachtpflege bis hin zur vollstationären Betreuung in einem Pflegeheim. Auch der – zeitlich begrenzte – Aufenthalt in einem spezialisierten Rehabilitationszentrum kann in Betracht kommen, allerdings sollte vorher geklärt sein, ob die Krankenkasse die Kosten übernimmt. 

Generell sollten Sie – solange es geht und ohne den Betroffenen zu überfordern – dem Grundsatz „Hilfe zur Selbsthilfe“ folgen: Bestärken Sie den Kranken immer wieder darin, seine vorhandenen Fähigkeiten in die Bewältigung des Alltags einzubringen und nehmen Sie ihm nur so viel ab wie unbedingt nötig. 

Komplementärmedizin

Naturheilverfahren, Bewegungs- und Entspannungsübungen haben keinen Einfluss auf den Krankheitsverlauf der Multiplen Sklerose. Einige können aber nachgewiesenermaßen bestimmte Symptome lindern und dadurch die Lebensqualität verbessern. 

Pflanzenheilkunde. Einige Betroffene berichten von einem günstigen Einfluss auf den Krankheitsverlauf durch die regelmäßige Einnahme von Ginkgo-Extrakt (in Tropfen- oder Tablettenform). Demgegenüber kommen Studien zu dem Ergebnis, dass Ginkgo weder die Schubrate senken noch den Krankheitsverlauf verlangsamen kann. Es gibt allerdings Hinweise, dass Ginkgo sich positiv auf kognitive Störungen auswirken könnte. Da hoch konzentrierte Pflanzenextrakte ebenso wie synthetisch hergestellte Medikamente Nebenwirkungen haben können, muss das Verhältnis zwischen Nutzen und Risiko sorgfältig abgewogen werden.  

Vorsicht ist bei der Einnahme von Cannabis geboten, dem u. a. eine nervenschützende Funktion nachgesagt wird. Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass die Pflanze bei MS einen unerwünschten entzündungsfördernden Effekt hat. 

Fußreflexzonenmassagen. Fußreflexzonenmassagen haben sich bei der Linderung von Blasen-, Sensibilitäts- und motorischen Störungen bewährt. Ihre therapeutische Wirksamkeit bei diesen Begleiterscheinungen wurde inzwischen wissenschaftlich bestätigt. 

Yoga. MS-Patienten, deren körperliche Leistungsfähigkeit es erlaubt, regelmäßig Yoga auszuüben, profitieren insbesondere von den Übungen, die darauf abzielen, Körperwahrnehmung und Beweglichkeit zu verbessern sowie psychische Anspannung abzubauen. Außerdem hat sich Yoga bei der Linderung von Müdigkeit und Erschöpfung bewährt. Durch Atemübungen können Sie einer abnehmenden Atemkapazität entgegenwirken. Wichtig ist, dass Sie Ihre persönliche Leistungsgrenze akzeptieren. 

Qigong, Tai Chi und Feldenkrais. Qigong, Tai Chi und Feldenkrais dienen dem Abbau von Stress, der Steigerung des Körperbewusstseins und dem Erhalt der Beweglichkeit.  

Akupunktur. Akupunktur kann im Anfangsstadium die Beschwerden lindern. Welche Akupunkturpunkte genadelt werden, richtet sich nach dem individuellen Krankheitsbild. 

Homöopathie. Als Begleittherapie bietet die Homöopathie individuell abgestimmte Konstitutionsbehandlung mit Hochpotenzen. 

Als äußerst kritisch zu bewerten sind alle Ansätze, bei denen tierische Substanzen gespritzt werden, etwa „Frischzellen“ oder Thymusextrakte. Hier besteht, wie bei allen Fremdeiweißen, die Gefahr einer allergischen Reaktion und je nach Präparat auch die Gefahr, dass tierische Infektionen auf den Menschen übertragen werden. Auch „immunstimulierende“ Verfahren erscheinen mehr als fragwürdig – es ist nicht auszuschließen, dass auf diese Weise zerstörerische Autoimmunprozesse angeheizt werden. 

Weiterführende Informationen

  • www.leitlinien.net – Unter der Stichwortsuche finden Sie zum Begriff Multiple Sklerose die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zur Diagnostik und Therapie. 
  • www.dmsg.de – Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e. V., Hannover: Internetseite der größten deutschen MS-Fachgesellschaft, in der Betroffene über Patientenbeiräte organisiert sind. 
  • www.kompetenznetz-multiplesklerose.de – Das Kompetenz Netz Multiple Sklerose erstellt in Abstimmung mit der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der MS-Leitliniengruppe und dem ärztlichen Beirat der DMSG Therapiehandbücher. Hier wird für jedes Medikament auf erforderliche Sicherheitskontrollen, Gegenanzeigen und praktisches Vorgehen bei Therapieumstellung eingegangen.
  • G. Krämer; R. Besser: Multiple Sklerose – Antwort auf die häufigsten Fragen. Trias, 2006. Faktenreicher fachärztlicher Ratgeber mit umfangreichen Informationen und Tipps, Alltag und Erkrankung zu meistern. Hilfreiche Erstinformationen für Betroffene, Angehörige und Interessierte. 
  • www.multiple-sklerose-e-v.de – Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e.V.: Hier finden MS-Betroffene Informationen zu Therapien, Akut- und Reha-Kliniken, den Umgang mit Behörden und Institutionen. 

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